Von zementösen Mörteln und dichtenden Latexbeschichtungen

12.07.2021

Die finale Bauphase des Haus Reichstein ist eingeläutet und nach der Arbeit an der Substanz folgt nun die Arbeit an der äußeren Hülle und den Oberflächen im Inneren. Dabei ist vor allen Dingen spannend, wie die Wände vom Dachgeschoss bis zur Gastronomie im Erdgeschoss bearbeitet werden. Architekt Ulrich Piel hat uns alle Fragen rund um Putz & Farbe beantwortet:

Herr Piel, von Ihnen wissen wir, dass viele Dinge im Haus Reichstein anders gemacht werden als in einem Neubau. Gilt das auch für den Innenputz? Welche Art Putz wurde in den Obergeschossen im Haus Reichstein aufgebracht?
Ulrich Piel: Ja natürlich, auch hier musste die historische Bausubstanz beachtet werden. Es wurde daher ein Kalkputz aufgetragen: Also ein reiner, zementfreier, historischer Kalkputz, der den Ansprüchen des Denkmalschutzes genügt.

Wie unterscheidet sich dieser Kalkputz von anderen Materialien – welche Eigenschaften machen den Kalkputz so ideal für Altbauten wie das Haus Reichstein?
Zuallererst ist Kalk ist ein Naturbaustoff: Er reguliert den Feuchtigkeitshaushalt in den Räumen nachhaltig, wirkt alkalisch – also basisch – und hat atmungsaktive Eigenschaften. So wirkt der Oberflächenbelag Schimmelpilzen und Mikroorganismen entgegen. Kalkputz ist zudem ideal für Allergiker, fördert ein gesundes Raumklima und ist auch baubiologisch empfehlenswert.

War das in der Vergangenheit immer die bevorzugte Lösung oder kamen auch mal andere Stoffe zum Einsatz?
Im Zuge der Industrialisierung kamen häufig relativ dichte und vergleichsweise feste zementöse Mörtel zum Einsatz. Dies führte zu erheblichen Bauschäden an der historischen Bausubstanz. Der feste Putz kann die Bewegungen, die ein Fachwerk-Haus wie das Haus Reichstein, macht nicht flexibel mitgehen und es entstehen Risse in den Wänden. Außerdem bildet sich dadurch, dass der Putz sehr dicht ist schädliche Feuchtigkeit im Wandinneren. Beides sieht man häufig in Häusern wie dem Haus Reichstein.

Können solche Wände mit beliebiger Farbe gestrichen werden oder muss man Besonderheiten beachten?
Der Wandaufbau sollte in erster Linie für ein gesundes Raumklima sorgen. Damit die Wände atmen können (wie durch den Kalkputz ermöglicht), sollte der Anstrich dies nicht wieder behindern. Das heißt konkret, dass Spachtelmasse und Anstriche auf Kalkbasis das Atmen begünstigen wogegen abdichtende Anstrichsysteme, wie z. B. Latexbeschichtungen genau das verhindern.
Ziel ist und bleibt für die zukünftigen Nutzer ideale Aufenthaltsvoraussetzungen zu schaffen. – der Kalkputz ist die Grundlage für ein gesundes Raumklima in Altbauten. Die Farbe darf diesen positiven Effekt nicht wieder zunichte machen.

Als nächster Schritt werden die Fenster im Haus aufgearbeitet, umgebaut oder neu eingebaut. Dazu halten wir euch natürlich auch auf dem Laufenden, wenn unser nächstes Bautagebuch erscheint.